Zwischen Menschen

Im Diskussions-Knäuel © Marie Tollkühn
Im Diskussions-Knäuel © Marie Tollkühn

In „Gespräch haben / Ohne Worte“ demonstrieren Martin Clausen und Kollegen die Tücken der verbalen und nonverbalen Kommunikation

Auf der requisitenleeren Bühne, die ringsum lediglich von einem grünbeleuchteten, deckenhohen Vorhang umspannt ist, steht am Mikro ein Firmenpersonaler im Frack. In gelangweiltem Ton erzählt er von einem Vorstellungsgespräch. Davon, dass ein bloßes Naseschnauben einer Bewerberin sie ihm direkt unsympathisch gemacht habe. Er wisse gar nicht genau wieso, irgendwie habe er da so ein Bauchgefühl. Aber in der Regel ginge es in so einem Gespräch ja sowieso eher darum, wie die Leute etwas sagen, „als darum, was sie sagen“.

Um dieses Wie, Weshalb und mit welcher Intention dreht sich Martin Clausens fast eineinhalbstündige Performance „Gespräch haben / Ohne Worte“. Mit seinen Kollegen Rahel Savoldelli und Jörg Witte vertieft er sich dabei in immer neue Kommunikations- und Konfrontationssituationen. Schlägt den Bogen vom anonymen Verkaufsgespräch im Matratzengeschäft über Debattierrunden bei Freunden in der WG bis hin zum vor belanglosem Smalltalk triefenden Speeddating oder den Eheleuten, bei denen die Frau wortkarg und lethargisch nichts mehr zu sagen und entgegnen hat.

„Kann ich mich da mal drauflegen?“

Wie fühlt sich das eigentlich an, wenn man Gespräche nicht nur auf ihren Inhalt reduziert? Sondern auch mal dem ‚Dazwischen‘ zuhört und nachspürt, den Begegnungen, die beiläufig passieren, den sich kontinuierlich auf- und wieder abbauenden Beziehungsgeflechten? Clausen und Kollegen bringen es auf den Punkt. In immer neuen Konstellationen setzen sie mal zu zweit, mal zu dritt ihre Körper ins Wechselverhältnis – und führen so Kontakte und Dialoge, die bereits sprachlich an ihr Ende gelangt sind, mit anderen Mitteln fort.

© Marie Tollkühn
Rahel Savoldelli, Jörg Witte, Martin Clausen und die Musiker © Marie Tollkühn

„Kann ich mich da mal drauflegen?“, fragt Clausen in hautenger grüner Samtleggins seinen Schauspielkollegen Witte im Verkaufsgespräch und geht daraufhin nicht nur mit der Matratze auf Tuchfühlung. Die beiden Männer schmiegen sich aneinander, ihre Hände berühren sich vorsichtig tastend, der eine dirigiert den anderen im Kreis wie ein Dressurpferd. Gegenseitig rollen sie sich über den Bühnenboden, bewegen einander im Stil einer Physiotherapiestunde. In kleinen Gesten tasten sie sich an ihre Gesprächspartner heran, versuchen ihn zu begreifen.

Ein anderes Mal endet eine Konversation über den japanischen Kultur- und Sprachgebrauch, über Historisierung und echten Münchner Leberkäse im wilden Durcheinanderpreschen aller dreier Schauspieler. Sie robben auf dem Boden nach vorne, sie rangeln, rempeln und schubsen sich gegenseitig, stapeln und setzen sich aufeinander. Die Musiker – zwei Gitarristen und ein Geiger – kommentieren die dabei entstehenden skurrilen Momente mit ihren verzerrten, gezupften und spannungsgeladenen Harmonien.

Ein choreografiertes Chaos

Im Partyspielmodus zelebrieren die drei Protagonisten dazu ihre Bocksprünge, schleichen in Zeitlupe umher, umschlingen, verkeilen und verknoten sich. Sie kriechen im Arm- und Beingewirr in- und untereinander wie bei einer vergnügten Twister-Partie, üben sich in exzessivem Ausdruckstanz und sehnen sich nicht nur nach körperlicher, sondern auch emotionaler Nähe. Die teils absurden Inhalte ihrer Konversationen spielen dabei stets nur eine untergeordnete Rolle. Zwischenmenschlicher Kontakt entsteht sowohl unter den Schauspielern selbst als auch mit dem Publikum.

© Marie Tollkühn
Martin Clausen, Jörg Witte und Harald Wissler © Marie Tollkühn

„Ich hab‘ gar kein Zeitgefühl mehr…“ – Savoldelli, gekleidet in rote Glanzhose und beigen Superhelden-Umhang, bemerkt, wie man bei einem guten Gespräch die Zeit vergessen kann. Oder wie unendlich und trocken ein solches wirkt, bei dem man mit seinem Gegenüber auf keinen grünen Zweig kommt. Dabei können solche gescheiterten Konversationen schon mal in Missverständnis und Eskalation enden.

Zum Schluss sieht der Zuschauer im Zeitraffer nochmals alle zuvor vorgestellten Konstellationen vorbeihuschen. Es wirkt wie ein Durcheinander – ein sehr präzise choreographiertes Durcheinander. Im anschließenden Dunkel hallen noch einen kurzen Moment die eben deklamierten einsilbigen „Hms“ und „Nees“ des zuletzt zitierten Plausches nach und entlassen einen amüsiert, aber auch etwas nachdenklich in den restlichen Abend.

Franziska Kroner

Franziska Kroner, geboren 1990, studiert Theater- und Musikwissenschaft an der Universität Mainz. Praktische Theatererfahrung in den Fächern Schauspiel, Gesang und Tanz sammelte sie in ihrer Ausbildung zur staatlich geprüften Ensembleleiterin im Fachbereich Musical an der Berufsfachschule für Musik in Sulzbach-Rosenberg.