Im Schatten des Schmerzes

Wie der allgegenwärtige Schmerz folgen auch die Schatten der Protagonistin durch das Stück - Foto: Holger Rudolph
Allgegenwärtig wie der Schmerz ziehen sich auch die Schatten durch das Stück – Foto: Holger Rudolph

Pro: „The Shape of Pain“ von Rachel Bagshaw findet beeindruckende Bilder für unsichtbaren Schmerz

Der Schmerz ist einfach da. Seit sie 19 Jahre alt ist, empfindet Regisseurin Rachel Bagshaw diesen Schmerz. Um ihn dreht sich ihre Performance „The Shape of the Pain“, in der Schauspielerin Hannah McPake davon erzählt, wie es ist, mit dem komplexen regionalem Schmerzsyndrom (CRPS) zu leben. Die Performance beschreibt die Form, die der Schmerz in ihrer Welt annimmt. Außerdem ist es eine Liebesgeschichte.

Acht metallene Paneele stehen im Halbkreis aneinandergereiht und werden als Leinwand für Projektionen genutzt. Dazwischen spannt McPake ohne Requisiten den Raum der Inszenierung auf, mit der Sprache und ihrem Körper. Hinzu kommen das Licht und die Wörter, welche in verschiedenen Weisen an die Paneele geworfen werden.

Im Laufe des Abends wird klar, dass Bagshaw den Schmerz visuell wahrnimmt und als Geräusche. Mal wummert es aus den Boxen wie ein Herzschlag, dann fiept ein hoher, langanhaltender Ton, der einem Tinnitus ähnelt. Zugleich beginnen die englischen Übertitel ihre Position zu ändern, fangen an zu zittern, fliegen in hoher Geschwindigkeit über die Leinwand oder kommen auf den Zuschauer zu. Als der Schmerz die Überhand gewinnt, wird McPake von vielen kleinen Punkten umkreist. Zuerst fokussieren diese sich nur um sie, dann aber nehmen sie alle acht Paneele für sich ein, die Projektion wird zum Rauschen. Je mehr das Rauschen sich aufbaut, desto lauter und erdrückender wird auch die Geräuschkulisse. Der Einsatz von Video und Licht unter der Leitung von Joshua Pharo und der Einsatz von Ton unter der Leitung von Melanie Wilson ist immer der Stimmung der Handlung entsprechend angepasst. Es hilft dabei, sich ansatzweise vorstellen zu können, wie diese Form des Schmerzes zu sein scheint.

Schmerzen wie ein Schwarm, der irgendwann alles ausfüllt
Wie ein Schwarm, der irgendwann alles Andere verdrängt – Foto: Holger Rudolph

Auf der Bühne ist nur McPake zu sehen. Dennoch fällt es nicht schwer, der Handlung zu folgen, wenn sie von der Liebesgeschichte erzählt, von ihrem tastenden Beginn, ihrem überraschenden Gelingen, ihrem Scheitern. Schließlich ist es eine Beziehung zu dritt: sie, er und der Schmerz. Die erdrückende Stimmung wird immer deutlicher. McPake klingt zunehmend frustriert, spricht immer öfter von Hass: „The shape of the pain is the shape of us.“

Es wird klar, dass das was Bagshaw ununterbrochen empfindet, von Außenstehenden nicht verstanden werden kann. Wie soll man etwas erklären, das nicht erklärt werden kann? Am Ende des Abends vermittelt sie dennoch einen Eindruck ihrer Welt, auch dank der Bild- und Tonsprache, die „The Shape of Pain“ zu einem beeindruckenden Dokument des Schmerzes macht.

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