„Macht das nie wieder!“

Ein Bild der Verzweiflung: König Alonso am Boden © Holger Rudolph

Contra: Das Blaumeier Atelier zeigt Shakespeares „Der Sturm“ in einer fragwürdigen Inszenierung

Da stehen sie, Antonio und Sebastian, gerade auf Prosperos Insel gestrandet, und beginnen zu rappen. Das ist nichts, was man zwangsläufig in einer Inszenierung von William Shakespeares spätem Werk „Der Sturm“ erwarten würde. Aber es ist vieles ungewöhnlich an der Inszenierung der traditionsreichen Bremer Gruppe Blaumeier Atelier, die sich aus Künstlern mit und ohne Behinderung zusammensetzt.

Warum gibt’s Kulissenwechsel?

Allerdings bringt die modernisierte Fassung der Komödie Probleme mit sich. Für Zuschauer, die nicht oder nur wenig mit Shakespeares Vorlage vertraut sind, dürfte es schwierig sein, der Handlung zu folgen. Gerade zu Beginn ist kaum ersichtlich, in welchem Verhältnis die Charaktere zueinander stehen. Dass also Prospero von seinem fiesen Bruder und dem König von Neapel um seinen Mailänder Thron gebracht wurde und auf dieser Insel strandete, plötzlich die Chance zur Rache bekommt, weil der titelgebende Sturm seine Widersacher anschwemmt. Die stark verkürzte Nacherzählung der Vorgeschichte mit einer Art Prospero-Attrappe hilft da auch nicht.

Statt die vielschichtige Parabel über Macht, Wissen und Gier zu deuten, konzentriert sich die Regie von Imke Burma und Barbara Weste lieber auf eine Nacherzählung. Die schlaglichthaften Szenen scheinen allerdings in keinem Zusammenhang zu stehen. Ein Einfall folgt auf den anderen, ohne dass eine klare Linie zu erkennen ist. Zudem wird das Bühnengeschehen durch häufige Umbauten unterbrochen. Warum es wichtig ist, ob die karg in den Himmel ragenden Glitzeräste mal im Kreis, mal vereinzelt vor dem rötlich schimmernden Hintergrund herumstehen, erschließt sich nicht.

Ey, Alter!

Da jeder Regieeinfall wiederholt wird, ziehen sich die Szenen. Dass die Insel voller Klang ist, wissen wir bereits, nachdem es einmal gesagt wurde, da muss nicht noch ein ellenlanges Lied darüber folgen. Auch dass die Gestrandeten Hunger haben, ist nach zahlreichen Wiederholungen deutlich.

Spaß-Rapper: Melanie Socher und Aladdin Detlefsen als Antonio und Sebastian © Holger Rudolph

Sowieso ist der Text ein Problem des Abends. Die moderne, verknappte Sprache wirkt häufig aufgesetzt. So nennen sich Melanie Socher und Aladdin Detlefsen als Antonio und Sebastian gegenseitig „Alter!“ und planen ihre Intrigen gegen Alonso und Gonzalo in Form des bereits erwähnten Raps. Immerhin ist das eine Art von Charakterisierung. Die kommt oft zu kurz, beschränkt sich auf genau einen Aspekt jeder Figur.

Gewollt komische Einfälle

Stephano und Trinculo zum Beispiel sind vor allem albern. Ihre Dialoge verlieren durch die ständige Wiederholung von Pointen schnell an Tempo und Spritzigkeit. Frank Grabski als Caliban ist wie einige seiner Mitspieler nicht immer gut zu verstehen. So hat der Zuschauer oft das Gefühl, wichtige Informationen nicht mitzubekommen. Hier hätte es geholfen, wichtige Elemente von anderen Schauspielern wiederholen zu lassen. Auch die Entscheidung, ausgerechnet einen körperbehinderten Schauspieler als Caliban zu besetzen, erscheint fragwürdig, weil sie die physischen Merkmale betonen, nicht das Spiel.

Ein Lichtblick des Abends ist Maximilian Kurth als Ariel. Er spielt den Luftgeist leichtfüßig und kostet seine Zeit auf der Bühne deutlich aus. Vor allem seine Erlösung durch Prospero hinterlässt einen starken Eindruck.

Eine seltsam aufgesetzt wirkende Erlösung beendet den Abend. Da sagt Prospero „Macht das nie mehr wieder!“ und lässt Alonso mitsamt Gefolge einfach so gehen. Was viel über das grundsätzliche Problem der Inszenierung erzählt, die oberflächlich bleibt und sich in gewollt komischen Einfällen verliert.

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