Mal was riskieren

Ein Fest, nur halb verpasst © Holger Rudolph

In „Little Party of Missed Dance“ von Per.Art aus Serbien wird das Publikum zu Gästen eines eigenwilligen Festes

Annika: Nach zwei Stunden Party-Spiele, Diskolicht und lauter Musik: Kam bei dir in „Little Party of Missed Dance“ Tanz-Stimmung auf?

Darina: Ich hatte grade am Anfang eher das Gefühl, ich komme auf eine Party und alle kennen sich bereits und keiner will etwas mit mir zu tun haben.

Annika: Als wir uns am Anfang im U17 an diese aufgeklebten Linien auf dem Boden stellen sollten und den Performern so extrem nah gegenüber standen, wusste ich überhaupt nicht, wo ich hinschauen sollte. Man hat dann ja irgendwie schon versucht, den Augenkontakt zu meiden.

Darina: Ich fand das war auch eine eher unangenehme Situation. Wir wurden ja auch in so einem strengen Ton in den Raum geführt und an diesen Linien platziert. Generell hatte ich oft das Gefühl von Unsicherheit, weil ich nicht einschätzen konnte, was als nächstes passiert und wie ich darauf reagieren soll. In vielen Situationen habe ich mich dann auch irgendwie unwohl gefühlt.

Annika: Vor allem in dieser ersten Situation, nachdem wir alle den Raum betreten hatten. Aus unserer Gruppe wurden ja auch noch Einzelne rausgesucht, die stehen bleiben mussten, während der Rest der Gruppe auf Stühlen Platz nehmen durfte.

Darina: Ich wurde zum Beispiel ausgewählt und musste stehen bleiben, direkt vor zwei der Performern. Und dann haben die beiden angefangen mit mir zu sprechen: Hast du die Einladung gelesen? Warum bist du nicht in Abendgarderobe? Oder: Deine Bluse gefällt mir gar nicht.

Die Performer feiern, der Rest schaut zu. Sind wir wirklich eingeladen? © Holger Rudolph

Annika: Ich frage mich die ganze Zeit, was wohl die Idee hinter dieser Arbeit war. An manchen Stellen dachte ich: Ah, jetzt hab ich das Konzept verstanden. Zum Beispiel, als wir alle verteilt im Raum standen und ein Mann der Künstlergruppe zu uns gesagt hat: „Wissen Sie, was die anderen von Ihnen denken? Und wollen Sie das überhaupt wissen?” Das war schön.

Darina: Ja, diese Momente gingen irgendwie immer zu schnell verloren. Da hätten sie vielleicht noch tiefer gehen können. Man hätte zum Beispiel sagen können, lasst die Augen zu und tanzt so, wie ihr es euch grade in euren Köpfen vorgestellt habt. Dann seht ihr weder euch, noch die anderen und werdet auch selbst dabei nicht beobachtet.

Annika: Ja, zu oft kam danach direkt etwas, das mich dann wieder total rausgebracht hat. An den interessantesten Stellen brach es dann immer zu schnell ab.

Darina: An einzelnen Szenen hätten sie einfach noch weiterarbeiten müssen, statt direkt zum nächsten Teil zu springen. Ich habe gute Ansätze erkannt, aber sie haben es dann irgendwie nicht geschafft, das wirklich auszuschöpfen.

Starke Soli für alle, die sich trauen © Holger Rudolph

Annika: Es war auch so vieles dabei, was ich einfach nicht verstanden habe. Zum Beispiel diese Fragebögen, die manche zu Beginn ausfüllen sollten oder diese Rap-Szene gegen Ende.

Darina: Ich hatte durch diese große Gruppe auch ab und zu das Gefühl, dass sie das Publikum gar nicht gebraucht hätten. Sie hatten eine super Energie beim Tanzen innerhalb ihrer Gruppe, aber leider haben sie es in meinen Augen nicht wirklich geschafft, diese Energie auf die Außenstehenden zu übertragen. Ich hatte ständig die Befürchtung, den Ablauf der Gruppe zu stören, wenn ich jetzt einfach dazu gesprungen wäre.

Annika: Der erste Teil, in dem die Performer in der Mitte des Raumes zu lauter Pop-Musik und Discobeleuchtung getanzt haben, hat für mich noch Sinn ergeben. Da hab ich mir gedacht: Ah, „Little Party of Missed Dance“, wenn ich mich jetzt verweigere und einfach sitzen bleibe, dann verpasse ich quasi den Tanz oder die Chance zu tanzen. In dem Moment dachte ich einfach, das geht jetzt den ganzen Abend so weiter und man kann sich jetzt überlegen, ob man an der Tanz-Party teilnimmt oder eben nicht.

Darina: Ja, den Gedanken hatte ich kurzzeitig auch.

Annika: Auch diese Wahrheit-oder-Pflicht-Situation… da fühlte man sich schon ausgestellt, wenn dein Name aufgerufen wird und du eine Wahrheit preisgeben oder etwas vermeintlich Peinliches tun sollst. Und ich glaube, dass Per.Art auch vorsätzlich immer wieder diese Situationen erzeugt haben, in denen man sich bloß- oder ausgestellt fühlt.

Darina: Aber dieses Ausstellen wurde für mich in keiner Situation zu etwas Positivem. Weil es eben immer auch den Aspekt des Erzwungenen dabei hatte.

Annika: Ja, das stimmt. Wobei sich das Gefühl von Menschen mit Behinderung, ausgeschlossen zu sein, nicht mitmachen zu sollen oder zu dürfen, ja auch nicht unbedingt in etwas Positives verwandelt.

Darina: Ich assoziiere mit „Kleine Party der verpassten Tänze“ irgendwie, dass man hier in diesem Rahmen die Dinge tun kann, die man sich sonst nicht traut. Und sie so eben nicht verpasst. Nur hat diese Chance nicht wirklich jemand genutzt, zumindest keiner, der nicht der Performergruppe angehörte.

Annika: Vielleicht nimmt man von diesem Abend auch einfach das Gefühl mit, mal was zu riskieren und Dinge und Chancen nicht an sich vorbeiziehen zu lassen, weil die Konsequenzen vielleicht gar nicht so schlimm sind, wie man sie sich ausmalt.

Ein Gedanke zu „Mal was riskieren

  1. Die Blog-Unterhaltung von Darina und Annika finde ich sehr treffend. Ich habe die Perfomance eher als einen Abend der verpassten Chancen abgehakt, viel angezettelt, aber nichts aufgelöst. Die Fragebögen z.B. oder der verstörende Einlass mit Aussortieren …
    Nach 20 grenzenlos Kultur Festivals fand ich die Selbstinszenierung von Per.Art irgendwie „Retro“… trotz allem gab es spannende Begegnungen, die Per.Art da angestiftet hat.

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