Wie von Zauberhand

Minimalistischer Bambuswald: Basho und seine Schüler © Holger Rudolph
Minimalistischer Bambuswald: Basho und seine Schüler © Holger Rudolph

Mit „Ich bin Bashō” sorgt der Upsala Circus aus St. Petersburg für einen fulminanten Abschluss von Grenzenlos Kultur

Ein Junge und ein Mädchen halten sich in den Armen. Sie stehen in warmes Licht gehüllt, umringt von Bambusstöcken, blicken nur einander an. Zu sanften Klaviertönen tanzt ein Mann in weitem Gewand um sie herum. Er lässt weiße Papierflocken auf sie rieseln.

Der inklusive Upsala Circus führt mit „Ich bin Bashō” durch das Leben und Wirken des japanischen Haiku-Dichters Matsuo Bashō. Ein Haiku ist ein kurzes dreizeiliges Gedicht, das mit Einfachheit und Symbolhaftigkeit arbeitet. Emotionen oder Gefühle werden nicht im Text formuliert, sondern sollen erst durch den Vorgang des Lesens und des Erfahrens entstehen.

Die Regisseurin Jana Tumina bringt mit den Performern des russischen Upsala Circus – neben Kindern und Jugendlichen nur wenige Erwachsene – eine Arbeit auf die Bühne des Staatstheater Mainz, die es schafft, diese Gefühle erfahrbar zu machen. So, wie Bashōs Haikus mit nur wenigen Worten Stimmungen und Emotionen erschafft, genügen ihr wenige einfache Mittel und ihre herausragenden Performer, um eine fantastische Atmosphäre zu erschaffen.

Auf einem Bildschirm erscheinen vereinzelte Haikus. Gekleidet in erdfarbene Gewänder, skizzieren die Darsteller das Leben des Dichters. Bashō sitzt umringt von seinen Schülern auf dem Boden, wird von ihnen beim Mittagsschlaf gestört oder trennt zwei sich bekämpfende Jungen voneinander.

Immer wieder erinnern die Performer mit ihren Akrobatikeinlagen daran, dass es sich um eine Zirkusgruppe handelt. Die Kleinsten aus der Gruppe rennen leichtfüßig über die Bühne, schlagen ein Rad und einen Salto nach dem anderen. Dabei strahlen sie eine Leichtigkeit aus, die sich durch den ganzen Abend zieht.

Vier Upsala-Mitglieder ziehen ein weißes Tuch über das quadratische Spielfeld in der Bühnenmitte. Langsam ziehen sie es nach oben. Nebel bläst von hinten über die Szene, Trommeln dröhnen. In den wenigen Sekunden, in denen sich dieser Baldachin bildet, zeigen die Darsteller kurze Soli, einfache Gesten, komische Miniaturen, gewagte Flickflacks. Wenn sich das Tuch wieder senkt, verschwinden sie wie von Zauberhand.

Derart magische Bilder gelingen dem Abend wiederholt: Eine Frau in rotem Kleid läuft anmutig über die Bühne. Sie trägt einen Ölpapierschirm. Dahinter lässt sie stoßweise Nebel entweichen, den sie mit ihrem Schirm zu Ringen formt. Oder: Ein Junge steht alleine auf der spärlich beleuchteten Bühne. Zwei Papiervögel hängen von einem Stock, der an seinem Hut befestigt ist. Langsam schleicht er über die Bühne und verschwindet im Schatten.

So erschafft der Upsala Circus eine eigene kleine Welt, die keine Worte benötigt. Da ist es auch nicht wichtig, dass die Form des Haiku-Gedichts in Deutschland nicht überall bekannt ist und es entsprechend schwer fällt, alle Anspielungen auf Bashōs Leben und Werk zu verstehen. Was zählt, ist die Magie des Augenblicks. Und die ist von einer überwältigenden Schönheit.

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